Texte

Die Texte basieren zum Großteil auf Vorlesungen, die im Rahmen der Lehraufträge an der Fachhochschule TFH in Berlin, Fachbereich Architektur zwischen 1998 und 2012 gehalten wurden.

01. Lehre und Entwurf
02. Architektur ist ein Kommunikationsmedium
03. Entwurfsmethoden
04. Archaische Architekturformen
05. Körper und Raum
06. Komposition, Proportionen, Gestaltung
07. Grundrissplanung
08. Organisch - Rational
09. Licht und Schatten
10. Entwurf und Konstruktion
11. Form - Inhalt
12. Subtraktion als Entwurfsprinzip
13. Addition als Entwurfsprinzip, Collage
14. Architektur durch Faltung und Deformation
15. Der Typus
16. Ordnungssysteme
17. Wohnungsbau
18. Oberfläche, Ornament, Fassade
19. Öffentlich - Privat, der Zwischenraum
20. Kontextuelles Entwerfen, Analysemethoden
21. Magische Orte
22. Architektur und Stadt
23. Architektur und Landschaft
24. Einführung in die Semiotik
25. Städtebauliche Komposition
26. Städtebauliche Elemente
27. Öffentliche Gebäude
28. Stadt und Topographie
29. Stadtanalyse
30. Paradoxien

01. Lehre und Entwurf

Ist Entwerfen magische Alchemie, Wiederholung eines tradierten Formenkanons, Recycling oder Evolution von architektonischen Ideen? Eine Entwurfslehre muss Antworten auf diese Frage formulieren, muss das Erschaffen von Formen zwischen den Polen der reinen Zweck- und Technologieerfüllung, der künstlerischen Gestaltung, den bautypologischen Konventionen und der Wunschbefriedigung mittels architektonischer Formen zu kommunizieren erklären. Entwurfslehre muss in pluralistischer Art und Weise über die Ursprünge und die Herleitung der verschiedenen Entwurfsansätze und Architekturformen, Darstellung, Kompositionslehre und Gebäudeplanung über das kontextuelle Entwerfen bis hin zur Architekturtheorie einen Überblick geben.

Über die Ursprünge und die Herleitung der verschiedenen Entwurfsansätze und Architekturformen, die Darstellung, Kompositionslehre und Gebäudeplanung über das kontextuelles Entwerfen hin zur Architekturtheorie wird in pluralistischer und offener Form ein Überblick gegeben. Es ist das übergeordnete Ziel bei den Studenten die persönliche Analyse- und Ausdrucksfähigkeit und ein reflexives Verhalten zu motivieren, zu fördern und zu trainieren. In ihrer Zukunft sollen diese in die Lage versetzt werden alle Chancen und Möglichkeiten zu nutzen, Risikobereitschaft zu zeigen und in sich selbst so Vertrauen gewinnen, dass sie mit allen Aufgaben und Situationen umgehen können. Eine miteinander verzahnte Mischung von Übungen, Stegreifen, Kompositionsspielen und Aufgaben mit thematisch begleitenden Vorlesungen und Seminaren führen die Studenten in die Komplexität des Entwerfens ein. Unterschiedliche Kompositions- und Entwurfsmethoden werden neben gebäudeplanerischen, konstruktiven und darstellungstechnischen Aspekten in den aufeinander aufbauenden Aufgaben über „Entwurfsbindungen“ explizit trainiert. Eine präzise Beschreibung der Aufgabe mit Vorgaben von Ort, Randbedingungen, Raumprogramm, sowie methodischen Hilfestellungen führt die Studenten direkt zu den gewünschten Lern- und Übungszielen. Entwerfen soll als Prozess verstanden werden, bei dem Aufgaben und Probleme beobachtet und analysiert werden, um dann Antworten und Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln. Die eigenen Architekturkonditionierungen, die Verhaftung in Bildern beim Entwerfen ist zu erkennen und zu interpretieren. Die Umsetzung von Raumprogrammen verlangt das Erlernen und Anwenden von Planungsmethodiken. Darstellungstechniken sind umzusetzen. Anhand von versteckt in die Aufgaben eingewobenen Entwurfsmethoden und Entwurfsbindungen werden die Studenten, unabhängig von ihren persönlichen Konditionierungen und Vorlieben, dazu geleitet diese Methoden auszuprobieren, die Konsequenzen und Möglichkeiten für sich zu entdecken und dadurch vorgefertigte Meinungen aufzulösen.

Das Lehrprogramm im dritten Semester baut inhaltlich auf den vorangegangenen Semestern auf. Der thematische Schwerpunkt ist eine städtebauliche Aufgabe. Da die Aufgaben in einer komplexen und in unterschiedlicher Weise interpretierbaren Stadtstruktur spielen, ist der analytische, beobachtende und lesende Teil der Aufgabe von hoher Wichtigkeit. Die angemessene Wahl der Entwurfssprache unter Berücksich­tigung von sensiblen und historisch bedeutsamen Orten stellt einen Hauptteil der Aufgabe dar. Das Semester bietet eine Einleitung in dem Themenbereich öffentliche Bauten. Die Bedeutung öffentlicher Bauten für Stadt, Gesellschaft und Wirtschaft wird behandelt. Für die Bewältigung des Raumprogramms ist die Anwendung der gelehrten Planungsmethodiken erforderlich. In den Vorlesungen wird ein Überblick über städtebauliches Entwerfen, Analysemethoden, städtebauliches Komponieren sowie über die historische Entwicklung der Städte, speziell der europäischen Stadt, gegeben.

Lehrinhalte:

Grundlagen der Entwurfsmethoden, Übersicht, Einführung Architekturtheorie

Grundlagen der Gebäudeplanung, Funktionen, Typologien, Normen, Baurecht

Grundlagen der Gestaltung, Kompositionsprinzipien, Proportionen

Grundlagen der Darstellungstechniken, Modellbau, Grafik, CAD, Bildbearbeitung

Grundlagen des Städtebaus, Kontext, Stadtstruktur, Analysemethoden

Ein über drei Semester laufender Vorlesungszyklus ist Dreh- und Angelpunkt der Lehre. Die Vorlesungen bieten einen allumfassenden Überblick über die beschriebenen Lehrinhalte. Ein Schwerpunkt ist die eingehende Beschreibung von Entwurfsmethodiken. Über die reine bebilderte Darstellung von Architekturphänomenen und Architektenbeispiele hinausgehend wird auf eine fundierte Präsentation von Herleitungstheorien, Ursprüngen, Hintergründen und Zusammenhängen Wert gelegt.

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02. Architektur ist ein Kommunikationsmedium

Was ist Entwerfen? Formen und Gestalten? Welche Rolle  spielt der Architekt? Wann setzt bei alltäglichen Bauvorhaben ein Gestaltungsprozess ein, den man als Entwurf beschreiben könnte? Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die Gestalt vieler Gebäude, insbesondere der Alltagsarchitektur weniger bewusst (im akademischen Sinne) entworfen wurde, sondern normalerweise das direkte Resultat von folgenden Faktoren ist:
- konstruktiven Konventionen (Handwerk), z.B. bei alten Fachwerkhäusern
- Material- Konventionen, lokal verfügbare Baumaterialien, die z.B. bei Dacheindeckungen verwendet werden
- dem Klima, z.B. Steildach bei viel Regen
- der Nutzung
- dem Grundstück und der Topographie, Erschließung
- den finanziellen Möglichkeiten
- und den möglichen, verfügbaren Hilfskräften
In welcher Familie von den hier anwesenden Studenten wurde schon mal gebaut? Ohne oder mit Architekt? Gab es einen gestalterischen Anspruch? Vielleicht wurde das Haus im System der Bricolage erstellt („Basteln“), das heißt es wurde genommen was gerade zur Verfügung stand, Materialien, Fertigprodukte wie z.B. Türen oder Vordächer vom Baumarkt oder Baustoffhandel. Diese Baumaterialien stehen dort am einfachsten zur Verfügung und erscheinen am Billigsten. Vermutlich wurde auch Hilfe von Bekannten und Freunden für einfache Bauausführungen in Anspruch genommen. Das ist informelles Bauen im collagierten Sinne. Die Form des Gebauten ist ein zufälliges Resultat von nahe liegenden, einfachen Entscheidungen, die schnelle und unmittelbare Erfüllung eines Bedarfs über Improvisation. Ein Großteil der Alltagsarchitektur entsteht wohl auf diese Art und Weise. Ungewollt entstehen durch diese Handlungsweisen beim Bauen manchmal organisch wirkende  Strukturen. Die durch Landflucht illegal errichteten Stadtviertel in Südamerika sind dafür ein aktuelles Beispiel.
Spannend wird die Situation wenn ein Bauherr den Wunsch nach besonderen Formen zum Beispiel. einen Turm oder einen Erker, einen hervorgehobenen Eingang, besondere Farben und Fenster äußert. Woher kann dieser Wunsch kommen? Will er etwas vermitteln? Und wenn ja, dann was?
Ist es das Haus des Nachbarn (Wunsch: Nachahmung)? In Zeitungen, im Fernsehen gesehen (Wunsch: Vorbild)? Sind es Urlaub- Kindheitserinnerungen (Wunsch: Emotionen visualisieren und festhalten)? Rein Repräsentative Gründe (Wunsch: Status und Wohlstand zeigen)? Oder die „Angst“ vor der eigenen Endlichkeit (Wunsch: sich ein Denkmal als Erinnerung in Lebzeiten zu setzen)?
Diese Konstellation ist eine Schlüsselfrage, weil genau an diesem Punkt der Prozess des Entwerfens einsetzt; Architektur als Kommunikationsmittel von jemanden (Bauherr, Nutzer, Gesellschaft, Kirche usw.) für jemanden (Nutzer, Bürger...). Eine Besonderheit über das Unmittelbare hinaus soll vermittelt werden. Wird ein Ausdruck, die Funktion, ein Inhalt, werden Zeichen und Symbole im Sinne von Repräsentation angewendet? Für welche Information steht eine spezifische Formgebung, z.B. eine Fassade oder ein Ornament? Oder anders gefragt: welcher Inhalt wird durch welche Form repräsentiert?
Diese einfachen Überlegungen zeigen, dass es für das Verständnis einer Architekturform, also auch für das Entwerfen, unabdingbar zu sein scheint das Wechselspiel zwischen der Form und den Kräften, die diese Form ermöglichten, zu ergründen. Das Begreifen von Architektur im Rahmen von Stil und formaler Ästhetik, wie es auch die klassische Kunstgeschichte gerne beschreibt, ist für das Verständnis der Ursprünge, der Kräfte die Architektur produzieren und entstehen lassen, der Bedeutungen und der Herleitung von Formen und Architekturen eher irreführend.
Eine spezifische und gestaltete Form entsteht erst wenn damit ursprünglich eine Informationsübertragung stattfindet, „kommuniziert“ wird, sonst wird niemand dafür die Energie des ökonomischen „Mehraufwands“ aufwenden. Der Wille und Wunsch zur Repräsentation ist Urbedingung jedes architektonischen Schaffens. Die Form, die Fassaden, die Räume und Ausstattung verweisen auf nichtarchitektonische Inhalte, „stehen für, repräsentieren etwas“.
Erst im Laufe der Zeit und in einem Transformationsprozess entstehen dadurch stilprägende, inhaltlich codierte und im ästhetisch- theoretischen Diskurs betrachtete Elemente. Umso verständlicher wird diese Sichtweise, wenn man sich vor Augen führt, dass sich in der Vergangenheit, besonders vor Erfindung des Buches, die Möglichkeiten der Kommunikation grundlegend von der heutigen Situation unterschieden. Über Architektur zu kommunizieren, Bilder und Inhalte zu vermitteln, auch sozial zu interagieren, muss deutlich wichtiger und notwendiger gewesen sein als in der heutigen Zeit, wo die Medien Fernsehen, Kino, Zeitschriften und das neuste Medium Internet den Informations- und Kommunikationsbedarf in voller Tiefe abdecken. So ersetzen die heutigen text-, bild- und videobasierten sozialen Internetplattformen mehr und mehr den Kommunikationsbedarf der bisher zum Beispiel über die Populäre Musik, Mode und Kunst vermittelt wurde.
Der architektonische Reichtum von Architekturen untergegangener Kulturen und zugleich die gestalterische Armut vieler gegenwärtiger Häuser, lassen sich auch aus diesem Umstand erklären. Daher gilt es idealerweise Architektur als Kommunikationsträger wieder zu entdecken!

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03. Entwurfsmethoden

Für die Art und Weise wie ein Gebäude entworfen wird gibt es unterschiedliche Herangehensweisen. Eine allgemeingültige „Methode“ für das Entwerfen lässt sich weniger definieren. Den Entwurfsprozess in zeitlichen Abschnitten zu strukturieren ist eine erste gute methodische Hilfestellung. Es lassen sich verschiedene Entwurfsmethoden den thematischen Schwerpunkten, welche die Grundlagen für ein Gebäude sein sollen, zuordnen. Die Vielfalt von Architekturhaltungen entspricht dabei der Vielfalt von Architekturstilen. Von besonderem Interesse ist dabei von welchen Prinzipien die verschiedenen Entwurfsstrategien hergeleitet werden und wo die eigentlichen Ursprünge der Ideen, Denkweisen und Architekturkonzepten sind. Nicht die Vermittlung einer einheitlichen Architektur ist das Ziel sondern der Nachweis, dass die Architekturgeschichte in der Gegenwart und Vergangenheit immer durch eine pluralistische Existenz unterschiedlichster Architektursprachen gekennzeichnet ist, die nebeneinander bestehen. Folgende thematische Schwerpunkte für den Entwurf eines Gebäudes gibt es:

Thema, Mittel und Beispiel

Entwurf + Kontext

Analyse, Interpretation

Aus städtebaulichen, topographischen Aspekten hergeleitete Architektur

Entwurf + Typologie

Geometrie, Komposition und Modul

Rationale Typisierung funktionaler und städtebaulicher Bauformen

Entwurf + Konstruktion

Elementierung, Modul

Aus konstruktiven Aspekten, dem Material und Detail entwickelte Architektur

Entwurf + Funktion

Organisation, Nutzung

Funktionale Architektur, von „innen“ heraus entwickelt und geplant

Entwurf + Komposition

Kompositionslehre

Aus gestalterischen, repräsentativen Gesichtspunkten entwickelte Architektur

 

Entwurf/Geometrie: aus der Dialektik Körper + Raum entwickelte Formen

Entwurf/Organik: organische Architektur, Collage, Natur als Vorbild, Inspiration

Entwurf/Oberfläche: Fassaden und Ihre Be­deutung, Zeichen

Entwurf/Symbolik: Symbolische und figurative Architektur

Nicht jeder Entwurf, jedes Gebäude, entwickelt sich mittels seiner Idee, Form, Gestalt genau aus einer der beschriebenen Haltungen, Methoden. Es ist jedoch tendenziell gut möglich den einzelnen Methoden verschiedene Architekten zuzuordnen. Die meisten Entwürfe und Gebäude, besonders die Gelungensten, sind natürlich meist eine Symbiose der verschiedenen Betrachtungsweisen. Wo der Entwurfsprozess hinführt, hängt auch von der persönlichen Intuition, Vorlieben, von eingeprägten Bildern und Atmosphären ab. Es ist sehr hilfreich, sich über den eigenen Standpunkt bewusst und über den konzeptuellen Ursprung im Klaren zu sein.

Entwurfsmethodik

Der Entwurfsprozess lässt sich in unterschiedliche Abschnitte gliedern.

  1. Studium, Analyse Aufgabe, Kontext

Studium Ort und Kontext - gibt es besondere Merkmale?

Städtebauliche und topographische Analyse - gibt es besondere Merkmale?

Definition- Studium Aufgabe, Programm, Funktion - gibt es besondere Merkmale?

  1. Erkenntnis

Zusammenstellung der Informationen

3a. Definition Zielvorstellung: wie soll die öffentliche Wirkung sein?

- Verantwortung                     

- soziale Haltung

- introvertierte Wirkung

- extrovertierte Wirkung

- Symbolgehalt, Repräsentative Wirkung

3b. Definition Zielvorstellung: wie ist die Einbindung in die Umgebungsstruktur?

- rationale Haltung

- organische Haltung

- Einbindung in Kontext

- Kontrast zum Kontext, Objekt

- Geometrie Grundformen oder freie Formen

3c. Definition Zielvorstellung: wie soll das Programm umgesetzt werden?

- Typologische Einordnung

- Verantwortung gegenüber dem Nutzer und dem Bauherrn

- Umsetzung über eine introvertierte Raumvorstellung

- Umsetzung über eine extrovertierte Raumvorstellung

  1. Aktion - Form - Gestaltfindung

Ideenfindung, Probieren, Testen, Ordnen, Elementieren

  1. Dokumentation

Darstellung

  1. Interpretation

Einordnung der Gestalt in Bezug zur: Architekturgeschichte, Theorie, Inspiration, Vorbild, Intuition, Emotion, Vision, Ideologie, Atmosphäre

  1. Konzept, Idee, Thema

Entscheidung für den Entwurf

  1. Entwurf

Entwurf, Ausarbeitung

Ausführungsplanung, Detailplanung

Ausführung Baustelle, Bauüberwachung

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04. Archaische Architekturformen

Entwerfen lässt sich am besten durch das Studium von bestehenden Bauten nachvollziehen und erlernen. Anhand von kleinen, übersichtlichen Gebäuden lassen sich sehr gut die entwurflichen Zusammenhänge bei der Gestalt der Häuser entdecken. In der Vorlesung werden unterschiedliche elementare Architekturformen als Beispiele für die folgenden Herleitungsweisen vorgestellt und beschrieben:

Entwurf + Kontext

Entwurf + Organik

Entwurf + Konstruktion

Entwurf + Typologie

Entwurf + Funktion

Die altertümlichen, traditionellen und modernen Beispiele sind kleine, archetypische Häuser. Grundsätzlich kann man unterscheiden zwischen introvertierten Lösungen (Belichtung von oben oder über Innenhöfe), normalen Lösungen (Belichtung über klassische Fenster) und extrovertierten Lösungen (meist voll verglaste Wände, hohe Transparenz der Räume zur umgebenden Landschaft). Von extrem wichtiger Bedeutung ist die Auswahl des Baumaterials und des Konstruktionsprinzips für die Erscheinung des Gebäudes (Holz- Skelett, Holz- Blockbauweise, Lehmbauweise: plastische, weiche Form, Stein, Stahlskelett: scharfkantig, präzise Erscheinung usw.). Die traditionellen Bauformen werden durch das Klima und die natürlichen Ressourcen (Baumaterialien) bestimmt. Die Dachformen und die Belüftungssysteme sind eine Folge der Temperaturen und der Regenhäufigkeit. Moderne Bauformen werden durch neuartige Bautechnologien geprägt.  

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05. Körper und Raum

Das menschliche Augenpaar hält das Räumliche durch die flächenhafte Form der Augenlinsen fest. Durch die Verarbeitung der Information im Gehirn werden die flächenhaften Informationen wieder zu dem räumlichen Bild zusammengefügt. Zum Verständnis werden Teilinformationen, bedingt durch die hohe Komplexität des Gesehenen, weggelassen und durch Informationen aus der Erinnerung ergänzt.

Eine Landschaft ist ein höchst komplexes Gebilde, welches nie auf einmal wahrgenommen werden kann. Auch bei der visuellen Aufnahme der Landschaft werden Dinge weggelassen, sonst bräuchte man eine Ewigkeit, all die Informationen zu verarbeiten, die sich einem bieten. Daher entsteht eine selektive und abstrahierende Wahrnehmung. Das Gesehene wird dann mit dem Vorgestellten, der Erinnerung, dem Gedachten so kombiniert, dass ein individuelles Wahrnehmungsbild entsteht. Dies führt zu der Vielfalt, dass tausend Personen dieselbe Landschaft unterschiedlich sehen, empfinden und zum Beispiel in Kunstwerken darstellen. Realität ist für uns was durch die visuelle Erfahrung ergänzt wird. Entscheidend ist nicht „was“ wir sehen, sondern das, was das Gedächtnis daraus macht.

Kunst- und Architekturrezeption wirkt über die persönliche Widerspiegelung der eigenen Emotionalität im künstlerischen Werk. Die Wahrnehmung dreidimensionaler Formen ist das Ergebnis des Abrufens von erlernten und erfahrenen visuellen Codes und der Kombination mit der emotionalen Interpretationen und Aufladung der aufgenommenen Bilder. Das Resultat ist die „Gestalt“. Aufgrund der persönlichen Prägung des „Bildergedächtnisses“ gibt es kaum eine objektive, universale und allgemeingültige Realität der visuellen Wahrnehmung von Umwelt und Architektur, sondern immer nur eine Annäherung über Konventionen und erlernte Regeln, in Musik und Architektur über Kompositionsregeln.

„Kunst“ spiegelt die Auseinandersetzung mit dem Transformationsprozess von der scheinbar objektiven und visuellen Wahrnehmung der Welt hin zur Verarbeitung in eine persönliche, individuelle Realitätswahrnehmung und der emotionalen Wirkung wider.

Dreidimensionalen Objekte lassen sich in ihrer Beschaffenheit, wie beim menschlichen Körper, nie im Gesamten, in allen Dimensionen betrachten und verstehen. Je nach Standort wirken Objekte ganz anders. Das Innere einer Struktur, eines Körpers oder eines Gebäudes kann für immer uneinsehbar sein. Der Zusammenhang von außen und innen, Körper und Raum ist schwer zu begreifen. Die Entwicklung von der Fläche zum Körper zum Raum im Körper lässt sich nur von bestimmten räumlichen Standpunkten aus erklären und wird nur über eine räumliche Bewegung des Betrachters nachvollziehbar.

Gestaltung in der Architektur ist das Verständnis und Spiel mit der Wahrnehmung von Körper und Raum. Die architektonische Form ist das Resultat des Wech­selspiels von Körper und der vom Körper umschlossenen Räume.

Zu unterscheiden sind die Gestaltungsprinzipien:

- verschiedene Volumen additiv und extrovertiert zu einer Körperkomposition zusammenzufügen,

- aus einem Gesamtkörper, über ein Subtraktionsverfahren, Räume in introvertierter Wirkung herauszuschneiden,

- aus einer Fläche einen Raum, eine Form und dann einen Körper zu falten,

- einen Körper durch äußere Kräfte zu deformieren,

- einen Körper durch Simulation von Bewegung oder Naturanalogien in Form und Konstruktion zu erhalten.

Die emotionale Kopplung von Räumen, Gegenständen, Farben mit prägenden persönlichen Erlebnissen und Atmosphären führt dazu, dass jeder Körper und Räume anders empfindet, begreift und beurteilt. Durch die emotionale Aufladung des „Bildergedächtnisses“ gibt es keine objektive, universale Wahrnehmung der Umwelt, sondern nur eine Annäherung über Konventionen, Codes und erlernten Regeln (z.B. Kompositionsregeln).

„Kunst“ spielt mit der „Ungenauigkeit“ der persönlichen Wahrnehmung. Kunstrezeption funktioniert über die persönliche Widerspiegelung der eigenen Emotionalität im künstlerischen Werk. Die figurative Deutung vieler Architekturen ist ein gutes Beispiel für eine inhaltliche Aufladung. Durch Wahrnehmungsaddition und Assoziationen werden architektonische Formen und Elemente wie Dach, Tor, Fenster plötzlich zu einer Figur, einem Gesicht oder zu Körperanalogien. Kunst ist ein Träger zur Übermittlung von Informationen, Repräsentation, Emotionen, Überzeugungen und deckt das menschliche Bedürfnis nach Kommunikation und Mitteilung. Die architektonisch besonders gestaltete Form erfüllt den Zweck der Kommunikation zwischen Teilen der Gesellschaft und ist immer Mittel eines Informationsaustauschs. Kunst und Architektur sind Informationsträger. Die architektonische Form ist die Umsetzung einer zu „kommunizierenden“ Information. Die architektonisch besonders gestaltete Form erfüllt den Zweck der Kommunikation zwischen Teilen der Gesellschaft, ist Mittel eines Informationsaustauschs. Nur durch die Formulierung einer inhaltlichen Aussage, eines Ausdrucks sowie des Verständnisses der Bedeutungen vom verwendeten architektonischen Vokabular und dessen gezielten Einsatzes entsteht eine qualitätsvolle Architektur. Die entworfene architektonische Form ist das Resultat der Kombination von Programm, Konstruktion, kontextueller Einfügung, emotionaler Bedeutung und dem Abruf visueller Codes. 

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